Unser Redebeitrag zur Feministischen Demo: Rebellion statt Religion

Einen Bericht über die Demo findet ihr auf gegen1000kreuze.blogsport.de.

Re­bel­li­on statt Re­li­gi­on!

Wo zwei oder drei in meinem Namen vergammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen
Zombie-Jesus

Kaum ein Thema hat über Jahr­tau­sen­de so kon­stant Hass und Ge­walt her­vor­ge­bracht wie Re­li­gio­nen. Men­schen füh­ren Krie­ge und er­mor­den sich im Namen von Re­li­gio­nen und be­haup­ten gleich­zei­tig, dass es ohne diese keine Moral in der Ge­sell­schaft gäbe.
Wir fra­gen uns: Was ist die Struk­tur von Re­li­gio­nen und wel­che Be­deu­tung haben sie? Wir wer­den den Ein­fluss des Chris­ten­tums be­leuch­ten und The­sen auf­stel­len, warum so viele Men­schen – auch in der ra­di­ka­len Lin­ken – nicht ra­di­kal mit Kir­che und Re­li­gi­on bre­chen.

Re­li­gio­nen als Ord­nungs­struk­tu­ren

Re­li­gi­on ist Pri­vat­sa­che – heißt es. Nie­man­den geht es etwas an ob ir­gend­wer an Göt­ter glaubt, betet oder sonst ir­gend­wel­chen ok­kul­ten Ri­tua­len nach­geht. Doch so ein­fach ist das nicht. Denn Re­li­gio­nen sol­len öf­fent­lich ge­lebt und pro­pa­giert wer­den. Das heißt: Nichts bleibt im Pri­va­ten! Re­li­gio­nen wer­den öf­fent­lich mit­ge­teilt und zu der ein­zig wah­ren Le­bens­wei­se er­klärt. Damit wer­den sie zu Ord­nungs­struk­tu­ren der Ge­sell­schaft. Sie schrei­ben vor, wie Men­schen zu den­ken und zu leben haben. Und das meis­tens nicht nur ihren An­hän­ger*innen, son­dern allen Men­schen. Wenn Re­li­gio­nen zu­sätz­lich vom Staat nicht kon­se­quent ge­trennt sind – wie in Deutsch­land – dann be­kom­men sie zudem die Macht, Teile ihrer häu­fig re­ak­tio­nä­ren Vor­stel­lun­gen auch durch­zu­set­zen.

Re­li­giö­se In­sti­tu­tio­nen ste­hen eman­zi­pa­to­ri­schen Ideen im Weg. Sie sind hier­ar­chi­sche Ge­bil­de, die sich nicht auf die Gleich­wer­tig­keit von Men­schen be­zie­hen. Sie un­ter­tei­len und spre­chen man­chen mehr Macht zu als an­de­ren.

Doch un­ab­hän­gig von ihrer kon­kre­ten Ver­fasst­heit und Aus­le­bung sind Re­li­gio­nen be­reits im An­satz an­ti-​eman­zi­pa­to­risch. Sie ma­chen Zu­kunfts­ver­spre­chun­gen: Ir­gend­wann wird alles gut. Pa­ra­dies oder Er­leuch­tung – völ­lig egal. Ir­gend­wann ist alles gut. Der Knack­punkt: Der Zeit­punkt liegt au­ßer­halb des Le­bens. Damit wird ge­sagt, dass es nicht darum geht hier und jetzt ein men­schen­wür­di­ges, gutes Leben für alle zu schaf­fen. Son­dern alles hin­zu­neh­men, denn ir­gend­wann kommt die be­schis­se­ne Er­lö­sung. Ge­ra­de das Lei­den wird hoch ge­hal­ten und ver­meint­lich ir­gend­wann ent­schä­digt. Und genau diese Ein­stel­lung hält Men­schen davon ab sich gegen men­schen­un­wür­di­ge Ver­hält­nis­se zu weh­ren, für ihre Rech­te zu strei­ten. Re­li­gio­nen sind somit ein äu­ßerst nütz­li­ches und wich­ti­ges Mit­tel von Staa­ten und Herr­schaft all­ge­mein, Auf­stän­de und Selbst­be­stim­mung be­reits prä­ven­tiv zu ver­hin­dern.

Doch die Men­schen kämp­fen trotz­dem. Je­doch nicht für ein bes­se­res Leben. Sie kämp­fen für einen Gott oder für die ver­meint­lich rich­ti­ge Aus­le­gung einer Schrift. Sie kämp­fen damit eben­falls gegen das ei­gen­stän­di­ge Den­ken. Wenn le­dig­lich für ein Stück Pa­pier ge­kämpft wird (und wenn die­ses Pa­pier auch “das Ka­pi­tal” heißt), dann kom­men Krie­ge und so­ge­nann­te Säu­be­run­gen dabei her­aus. Ge­pre­digt wird schließ­lich blin­der Ge­hor­sam und Treue statt Ver­nunft und Dis­kus­si­ons­freu­dig­keit.

Und in Deutsch­land?
Nun wird be­haup­tet: das ist alles kein Pro­blem mehr. Schließ­lich leben wir in einer auf­ge­klär­ten, sä­ku­la­ri­sier­ten Welt, in der Kir­che und Staat ge­trennt sind. Pus­te­ku­chen. Alles ge­lo­gen. Nichts ist ge­trennt und das hat tag­täg­lich Aus­wir­kun­gen auf die Men­schen. Der Ein­fluss von Re­li­gio­nen auf die Po­li­tik ist so stark wie eh und je und fes­tigt somit pa­tri­ar­cha­le Struk­tu­ren.
Re­li­gi­ons­un­ter­richt an staat­li­chen Schu­len gibt es immer noch. An­spruch auf einen Kin­der­gar­ten­platz haben alle. Al­ler­dings nicht auf einen staat­li­chen. Mit staat­li­chen Gel­dern, wer­den christ­li­che Ki­ta-​Plät­ze aus­ge­baut um be­reits die Kleins­ten mit dem größ­ten Müll zu in­dok­tri­nie­ren. Auch viele Pfle­ge­be­dürf­ti­ge haben es schwer kon­fes­si­ons­lo­se Ein­rich­tun­gen zu fin­den. Trotz An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­setz darf die Kir­che ganz of­fi­zi­ell z.B. Schwu­le und Les­ben kün­di­gen, wes­we­gen viele nicht offen zu ihren Be­zie­hun­gen ste­hen kön­nen. Ins­ge­samt gibt es in der Kir­che nur stark be­schränk­te Ar­beits­rech­te und die we­nigs­ten stö­ren sich öf­fent­lich daran. Und das ob­wohl die Kir­che in Deutsch­land mitt­ler­wei­le die zweit­größ­te Ar­beit­ge­be­rin ist.

Kopf­tü­cher, Be­schnei­dun­gen, Ehe: hät­ten Re­li­gio­nen kei­nen ge­sell­schaft­li­chen Ein­fluss mehr, wären dies ver­mut­lich alles The­men, die we­sent­lich we­ni­ger dra­ma­ti­sie­rend dis­ku­tiert wür­den – wenn über­haupt exis­tent. Der § 218 StGB wäre viel­leicht längst vom Tisch, wenn nicht immer wie­der christ­li­che Ver­bän­de Sturm lau­fen wür­den, um ihren Zu­griff auf den Kör­per von Frau­en be­hal­ten zu kön­nen.

Warum kein mas­sen­haf­ter Aus­tritt und Boy­kott?

Mit Re­li­gio­nen geht es also nicht vor­wärts. Das soll­te euch allen klar ge­wor­den sein. Doch er­staun­li­cher­wei­se blei­ben viele – auch viele Linke – wei­ter­hin in der Kir­che. Die Be­grün­dung ist meis­tens die Job­aus­sicht im so­zia­len Be­reich, in dem die Kir­chen wei­ter­hin die Ho­heit haben. Doch ist das alles? Oder lösen re­li­giö­se Ri­tua­le, die an die frü­hes­te Kind­heit er­in­nern, nicht viel­leicht bei vie­len christ­lich so­zia­li­sier­ten Men­schen ein Ge­fühl der Ver­traut­heit aus? Würde ein Kir­chen­aus­tritt viel­leicht zu einer Art Heim­weh füh­ren? Oder ist es die feh­len­de Be­reit­schaft zur Aus­ein­an­der­set­zung mit dem fa­mi­liä­ren Um­feld?
Doch selbst wenn es tat­säch­lich nur um den Ar­beits­platz geht: Warum wird eine zu­tiefst re­ak­tio­nä­re In­sti­tu­ti­on un­ter­stützt? Un­se­rer Mei­nung nach ist es eine Dop­pel­mo­ral Men­schen per­sön­lich dafür ver­ant­wort­lich zu ma­chen, wenn sie in der Rüs­tungs­in­dus­trie, bei Ab­schie­be­be­hör­den oder bei den Cops ar­bei­ten, aber gleich­zei­tig Kin­der zu tau­fen, in der Kir­che zu blei­ben, für diese zu ar­bei­ten und ihren ge­sell­schaft­li­chen Sta­tus damit wei­ter­hin zu fes­ti­gen.
Es gibt Dinge, die schwer al­lei­ne be­kämpf­bar und ver­än­der­bar sind: Bei­spiels­wei­se das nor­ma­ti­ve Zwei­ge­schlech­ter­sys­tem, Staa­ten oder der Ka­pi­ta­lis­mus. Die Kir­chen zu boy­kot­tie­ren oder zu sa­bo­tie­ren ist je­doch ein­fach. Jede*r ein­zel­ne kann ganz al­lein und leicht aus der Kir­che aus­tre­ten ohne dass es weh tut. Nie­mand wird ge­zwun­gen für die Kir­che oder in kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen zu ar­bei­ten, die an­de­re Men­schen auf­grund ihrer Le­bens­wei­se ab­leh­nen. Lasst uns ge­mein­sam Kir­chen­aus­trit­te fei­ern. Ins­be­son­de­re Sün­der*innen soll­ten schnell aus­tre­ten, denn: Ohne Kir­che keine Hölle! Lasst uns nicht be­wusst Pri­vi­le­gi­en ein­set­zen und damit ma­ni­fes­tie­ren. Wir kön­nen han­deln und wir kön­nen Re­li­gio­nen etwas ent­ge­gen­set­zen.

Wir kämp­fen für ein gutes Leben vor dem Tod!
Re­bel­li­on statt Re­li­gi­on!

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