Eure Gesundheit macht uns krank – unser Redebeitrag bei der „My body My Choice“ Demo in Münster

Einen Bericht über die Demo und den ganzen Tag findet ihr hier.

Fit for fun – Eure Gesundheit macht uns krank

Es gibt ein zu­neh­men­des In­ter­es­se des Staa­tes und der Wirt­schaft, in die Re­pro­duk­ti­ons-sphäre der Bür­ger*innen ein­zu­grei­fen und diese Sphä­re stär­ker zu kon­trol­lie­ren. Mit Re­pro­duk­ti­ons­sphä­re mei­nen wir: Die­je­ni­ge Zeit und Ak­ti­vi­tät, die Men­schen au­ßer­halb ihrer Lohnar­beit ver­brin­gen. Es gab Zei­ten, da war es dem Staat re­la­tiv egal, ob Men­schen sich in die­ser Phase er­ho­len und kör­per­lich fit hal­ten oder sich durch Tabak, Al­ko­hol und sons­ti­ge Dro­gen mög­li­cher­wei­se selbst zer­stö­ren, da es genug Men­schen gab, die die vie­len un­ge­lern­ten Ar­beits­kräf­te in den Fa­bri­ken er­set­zen konn­ten. Mit der zu­neh­men­den Aus­dif­fe­ren­zie­rung des Ar­beits­mark­tes, der immer mehr spe­zia­li­sier­te, schwer er­setz­ba­re Fach­kräf­te be­nö­tigt, weckt auch das Pri­vat­le­ben immer mehr ar­beits­markt­po­li­ti­sche Auf­merk­sam­keit: Gut aus­ge­bil­de­te Men­schen sol­len mög­lichst lange mög­lichst ge­sund leben und nicht krank wer­den – al­ler­dings we­ni­ger um ih­ret­wil­len, son­dern um mög­lichst durch­gän­gig und lange auf dem Ar­beits­markt ver­wert­bar zu blei­ben. Diese Ten­denz zeigt sich in zwei schein­bar wi­der­sprüch­li­chen Ent­wick­lun­gen: Ei­ner­seits die Be­to­nung der Ei­gen­ver­ant­wort­lich­keit der In­di­vi­du­en für ihre Ver­wer­tung und die Er­hal­tung ihrer Kör­per bei gleich­zei­ti­gem Abbau staat­li­cher So­zi­al­ver­si­che­rungs­leis­tun­gen, an­de­rer­seits der Aus­bau staat­lich-​re­pres­si­ver Vor­beu­gungs-​ und Zwangs­maß­nah­men gegen als per se „selbst­zer­stö­re­risch“ de­fi­nier­te Ver­hal­tens­wei­sen.

Kein Friede dem Patriarchat

Kein Friede dem Patriarchat

Star­ten wir mit der Re­pres­si­on.

Mit den Opi­um­kon­fe­ren­zen An­fang des 20. Jahr­hun­derts be­ginnt die in­ter­na­tio­nal ko­or­di­nier­te au­to­ri­tä­re Kon­sum­kon­troll­po­li­tik des bür­ger­li­chen Staa­tes – also der mas­si­ve Ein­griff von zahl­rei­chen Na­tio­nal­staa­ten in den Kon­sum ihrer Bür­ger*innen. Die Pro­duk­ti­on und der Ver­kauf von be­stimm­ten Dro­gen wer­den zu­nächst stark ein­ge­schränkt und spä­ter gänz­lich ver­bo­ten. Selbst­ver­ant­wor­te­ter, ri­si­ko­be­wuß­ter Kon­sum ist so kaum noch mög­lich. Diese Kon­fe­ren­zen waren le­dig­lich der Auf­takt zu einer re­pres­si­ven An­ti-​Dro­gen­po­li­tik, die letzt­end­lich dar­auf ab­zielt, Men­schen die Selbst­ver­ant­wor­tung für ihren Kon­sum mög­lichst voll­stän­dig ab­zu­spre­chen und den Kon­sum be­stimm­ter Waren mög­lichst welt­weit mo­ra­lisch und ju­ris­tisch zu ver­ur­tei­len und zu ver­hin­dern. Auch die Ein­füh­rung von so ge­nann­ten „Nicht­rau­cher­schutz­ge­set­zen“ in vie­len eu­ro­päi­schen Län­dern ge­hört bei­spiels­wei­se in diese Ent­wick­lung. Ihr Haupt­ziel scheint eher die mög­lichst all­um­fas­sen­de Ver­pö­nung des Rau­chens und die mög­lichst all­um­fas­sen­de Ent­wöh­nung der Ge­sell­schaft vom Rau­chen zu sein – letzt­end­lich, um die Ge­sund­heits­sys­te­me zu­guns­ten einer so ge­nann­ten „Ei­gen­ver­ant­wor­tung“ ei­ner­seits und fak­ti­scher Ka­pi­tal­in­ter­es­sen an­de­rer­seits noch wei­ter ein­schmel­zen zu kön­nen. Ginge es tat­säch­lich nur um einen Schutz von Nicht­rau­chen­den, könn­te es wei­ter­hin Rau­cher*in­nen­räu­me geben, in denen Rau­chen­de an­de­re nicht be­läs­ti­gen kön­nen.

Trimm dich fit – Die In­di­vi­dua­li­sie­rung der Ver­ant­wor­tung für Ge­sund­heit und Krank­heit

Der sich ei­ner­seits bei der An­tid­ro­gen­po­li­tik als „star­ker Staat“ und „schüt­zen­de Hand“ auf­spie­len­de und in­sze­nie­ren­de Staat zieht sich an­de­rer­seits zu­neh­mend aus der Ver­ant­wor­tung für die Ge­sund­heits­ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung zu­rück. Hier prä­sen­tiert er sich schwach und über­for­dert. Immer mehr Leis­tun­gen – zum Bei­spiel viele prä­ven­ti­ve Maß­nah­men – wer­den aus dem An­ge­bots­ka­ta­log der ge­setz­li­chen Kran­ken­kas­sen ge­stri­chen oder wer­den ein­ge­schränkt. Statt­des­sen re­giert das Drei­fal­tig­keits­ge­bot der Ei­gen­ver­ant­wor­tung: Zu­zah­lung, Selbst­zah­lung, Pri­vat­vor­sor­ge. Selbst­er­nann­ten Leis­tungs­eli­ten da­ge­gen spen­diert der so un­glaub­lich arg ge­beu­tel­te Staat die pri­va­ti­sier­te, bes­se­re Ge­sund­heits­ver­sor­gung in­zwi­schen in vie­len Fäl­len als steu­er­be­frei­te Fir­men­bo­ni mit.

Wer weder über das nö­ti­ge Klein­geld noch über ent­spre­chen­de sta­tus­be­ding­te Pri­vi­le­gi­en ver­fügt, dem blei­ben die vor allem über Me­di­en ver­brei­te­ten Ge­sund­heits­tipps: Wir sol­len fit und ge­sund blei­ben und Krank­hei­ten ver­mei­den kön­nen. Da­hin­ter steht die klare Aus­sa­ge: „Wenn du dich ge­nü­gend an­strengst und sel­ber aus­rei­chend küm­merst, dann wirst du auch nicht krank“. Der Um­kehr­schluss ist eben­so klar: „Wirst du krank, bist du selbst schuld“.

Diese immer pe­ne­tran­te­ren Dis­zi­pli­nie­rungs­maß­nah­men die­nen vor allem dazu, Men­schen auch unter den Be­din­gun­gen eines löch­ri­ger wer­den­den Ge­sund­heits­sys­tems auf dem Ar­beits­markt best­mög­lich ver­wert­bar zu hal­ten. Ein­präg­sam zeigt sich dies z. B. an der Volks­krank­heit Rü­cken­lei­den, wel­che Men­schen vor allem durch das stän­di­ge Sit­zen bei Bü­ro­jobs oder durch Über­an­stren­gung bei­spiels­wei­se in der Pfle­ge­ar­beit be­kom­men. Die Kon­se­quenz aus die­ser Er­kennt­nis ist aber nicht eine grund­le­gen­de Ver­än­de­rung ge­sund­heits­schä­di­gen­der Ar­beits­be­din­gun­gen, z. B. durch ein all­ge­mei­nes Ein­schrän­ken von Büro- und Pfle­ge­zei­ten. Statt­des­sen wird ein­ge­for­dert, die Ar­bei­ten­den mögen sich in ihrer Frei­zeit um Rü­cken­schu­lun­gen oder sons­ti­gen Aus­gleich küm­mern. Es geht also nur be­dingt um wirk­lich ef­fek­ti­ve Lö­sungs­mög­lich­kei­ten und um die Frage, was Men­schen ei­gent­lich ka­putt macht. Dann müss­te näm­lich auch über den Ka­pi­ta­lis­mus und seine men­schen­feind­li­chen Ar­beits­be­din­gun­gen ge­re­det wer­den. Doch da der Ka­pi­ta­lis­mus ge­sell­schaft­lich zu einer al­ter­na­tiv­lo­sen Er­satz­re­li­gi­on er­klärt wor­den ist, wer­den Ka­pi­ta­lis­mus­kri­ti­ker*innen schnell als Ver­fas­sungs­feind*innen ge­brand­markt.

Leben ohne Zu­gang zum Ge­sund­heits­sys­tem

Noch dras­ti­scher ist die Si­tua­ti­on von il­le­ga­li­sier­ten Men­schen. Sie haben keine Mög­lich­keit, sich in die­sem Land eine Kran­ken­ver­si­che­rung zu be­sor­gen. Sie sind damit immer und über­all auf die Hu­ma­ni­tät ein­zel­ner Ärzt*innen an­ge­wie­sen. In ei­ni­gen Städ­ten gibt es selbst­or­ga­ni­sier­te Sprech­stun­den für Men­schen ohne Kran­ken­ver­si­che­rung. Diese sind gut und not­wen­dig, kön­nen al­ler­dings keine an­ge­mes­se­ne Ver­sor­gung von kran­ken oder ver­letz­ten Men­schen er­set­zen.
Il­le­ga­li­sier­te Men­schen sind damit die­je­ni­gen, die uns daran er­in­nern, wie die Zu­stän­de vor 150 Jah­ren waren. Sie sind heute die­je­ni­gen, die am of­fen­sicht­lichs­ten als be­lie­big aus­tausch­ba­res Hu­man­ka­pi­tal die­nen. Sie sind heute die­je­ni­gen, bei denen es am of­fen­sicht­lichs­ten keine Rolle spielt, ob sie durch Ar­beit ka­putt ge­macht wer­den, da sie be­lie­big er­setz­bar sind. Sie sind als Be­völ­ke­rungs­grup­pe öko­no­misch wich­tig, um durch Hun­ger­löh­ne die Prei­se nied­rig zu hal­ten. Die ein­zel­nen Men­schen je­doch sind in die­sem Sys­tem völ­lig egal.

Wir for­dern die be­din­gungs­lo­se und best­mög­li­che Kran­ken­be­hand­lung aller Men­schen, die diese be­nö­ti­gen!
Wir for­dern ein men­schen­wür­di­ges Leben für alle.
Wir wol­len ein Ende des Ka­pi­ta­lis­mus und ein selbst­be­stimm­tes Leben für alle.

Vie­len Dank für eure Auf­merk­sam­keit.

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