09.03. Feministische Demo in Münster

Raise your voice – your body your choice!

plakat

Plakat

Wie bereits in den vergangenen Jahren, soll auch in diesem Jahr am 09. März der von „EuroProLife“ organisierte Gebetszug „1000 Kreuze für das Leben“ in Münster stattfinden. Dabei versammeln sich Abtreibungsgegner*innen Fußnote 1 unterschiedlicher politischer und weltanschaulicher Ausrichtung, um mitsamt ihren Kreuzen ein sexistisches, homophobes und frauen*feindliches Weltbild auf die Straße zu tragen und Frauen ihr Recht auf Selbststimmung abzusprechen.

Auf den ersten Blick mag der Gebetszug den Eindruck einer skurrilen und nicht ernstzunehmenden Veranstaltung erwecken. Die Kreuzträger*innen erscheinen manchen als verwirrte Fundamentalist*innen. Tatsächlich ist die Bewegung, die hinter Veranstaltungen wie „1000 Kreuze für das Leben“ steht, keine extreme und isolierte Randerscheinung, sondern Teil einer rückschrittlichen gesellschaftlichen Entwicklung. Diese findet sich in allen Lebensbereichen wieder und ist schon längst in breiten Kreisen der Gesellschaft verankert. Laufen in Münster nur knapp über Hundert Kreuzträger*innen durch die Stadt, so treffen sich in Berlin zu demselben Anlass mittlerweile jährlich weit über Tausend.

Nur die Spitze des Eisberges!
Auch wenn in einer kapitalistischen Gesellschaft – je nach wirtschaftlicher Situation und vorherrschender Verwertungslogik ( = die Bewertung von Menschen und Ressourcen alleine nach dem Kriterium ihres wirtschaftlichen Nutzens) – die zugewiesenen Geschlechterrollen flexibler erscheinen, bleibt doch die patriarchale Grundstruktur erhalten. Diese beruht u.a. auf der bürgerlichen Familie als Keimzelle der Gesellschaft, auf zugeschriebenen und vermeintlich unveränderlichen Geschlechterrollen in einem zweigeschlechtlichen System, sowie auf der Ausbeutung und Diskriminierung von Frauen. Von Frauen wird erwartet, dass sie gleichzeitig Kinder gebären, die Familie versorgen und Lohnarbeit leisten. So ist die Erwerbsbeteiligung von Frauen in Deutschland zahlenmäßig zwar gestiegen, zugleich sind Frauen aber deutlich seltener als Männer durch ihr Erwerbseinkommen abgesichert (sog. Ernährermodell). Die traditionellen Rollenzuschreibungen, die religiösen Fundamentalist*innen, Nazis und anderen anti-emanzipatorischen Gruppen als „natürlich“ oder „von Gott gegeben“ gelten, sichern nach wie vor bürgerliche Werte, patriarchale Machtverhältnisse und männliche Dominanz. Patriarchale und autoritäre Vorstellungen von Geschlecht und Familie sind allerdings nicht nur ein Kernstück fundamentalistisch-religiöser Positionen und rechter/anti-emanzipatorischer Ideologien, sondern sie verbinden diese Positionen auch mit dem konservativen Mainstream und finden sich – unabhängig von sozialem Status – in breiten Teilen der Gesellschaft wieder.

Die Krise als Katalysator auf dem Weg in die Vergangenheit?

Verunsichert durch die allgegenwärtige Krise des Kapitalismus, Massenarbeitslosigkeit und die Angst vor sozialem Abstieg wird – in der Annahme, dass nur ein „starker Staat“ diese Gefahren abwenden könne – eine autoritäre Vorstellung von Staat und Gesellschaft von vielen als willkommener Lösungsvorschlag akzeptiert. Gerade in vermeintlichen Krisensituationen werden im gesellschaftlichen Mainstream konservative Vorstellungen hochgehalten oder (re)etabliert, fortschrittliche Positionen zurückgedrängt, erkämpfte Rechte und Freiräume angegangen und auf traditionelle Rollenbilder, etablierte Machtverhältnisse und altbekannte Diskriminierungsstrategien zurückgegriffen.
Damit einher geht zum einen die schrittweise Abschaffung von sozialen Rechten; die Verschärfung der Bedingungen für den Sozialleistungsbezug, der Abbau von Arbeitnehmer*innenrechten, die permanente Beschneidung des Versammlungsrechts, die Streichung der Gelder von Beratungsstellen für und von Selbsthilfegruppen sind nur einige Beispiele. Zum anderen begünstigt das Schüren sozialer Ängste und der Ruf nach einem „starken Staat“ mit konservativ-reaktionären Werten die Etablierung von Feindbildern. So wird zur Zeit der Islam von Medien und Politiker*innen zum äußeren Feind stilisiert, Europa wird zunehmend dicht gemacht, ein Bild von „Flüchtlingsströmen, die Deutschland überfluten“ gezeichnet und Migrant*innen und Erwerbslose als „Sozialschmarotzer*innen“ diffamiert.
Wie weit diese Entwicklung vorangeschritten ist, lässt sich unter anderem daran erkennen, dass in vielen Ländern Europas reaktionäre und/oder nationalistische Parteien im Aufwind sind, oder bereits Teile der Regierungen stellen und auch der religiöse Fanatismus immer mehr um sich greift.

Never step back! Erkämpfte Freiräume und Nischen verteidigen!

Die Liberalisierung des § 218 StGB, die rechtliche Anerkennung homosexueller Partner*schaften, Frauen- und Mädchenhäuser und andere Schutzräume für Frauen sowie die Abschaffung des §175 StGB Fußnote 2, sind nur einige Beispiele dafür, dass Feministinnen, Schwulen- und Lesbenaktivist*innen und andere emanzipatorische Bewegungen es in jahrelangen und mühevollen Auseinandersetzungen geschafft haben, Staat und Gesellschaft in diesem Bereich einige strukturelle Veränderungen abzutrotzen. Doch selbst diese wenigen erstrittenen gesellschaftlichen Zugeständnisse scheinen biologistische Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, traditionelle Geschlechterrollen, das System der Zweigeschlechtlichkeit und die patriarchale Ordnung bereits so empfindlich zu stören, dass sie von religiös-fundamentalistischen, reaktionären und konservativen Kräften bekämpft werden. All diese kleinen Verbesserungen, Freiräume und Nischen gilt es zu verteidigen – wohl wissend, dass es sich um nichts mehr als Zugeständnisse und minimale Freiräume handelt und nicht etwa um die ersten Schritte zur Abschaffung der patriarchalen Verhältnisse.

Mein Bauch gehört mir!

Die Frauenbewegung der 1970er Jahre forderte, dass Frauen nur selbst über ihren Körper bestimmen können und die alleinigen Entscheidungsträgerinnen beispielsweise über die Fortsetzung oder den Abbruch einer Schwangerschaft sein sollen. „Mein Bauch gehört mir!“ – diese Parole konnte zumindest teilweise durch gemeinsamen, politischen Druck in die Praxis umgesetzt werden.
Heute werden leider nur noch selten feministische Forderungen in die Öffentlichkeit getragen.
Schwierige Lebenssituationen werden individualisiert und tabuisiert. So war auch der Umgang mit Schwangerschaftsabbrüchen früher häufig kollektiver und deshalb für einige Betroffene sicherlich einfacher. Erkämpfte Frauenräume machten es möglich Wissen weiter zu gegeben, Positionen zu entwickeln und sich gegenseitig bei Entscheidungen zu unterstützen. Der Verlust feministischer Freiräume äußert sich heute z.B. darin, dass ungewollt Schwangere nur noch selten darüber sprechen wenn sie über einen Schwangerschaftsabbruch nachdenken oder einen hatten. Oder darin, dass immer mehr Frauenhäusern und Beratungsstellen die Gelder gestrichen werden – obwohl die Anzahl der sexualisierter Übergriffe und Gewalttaten nicht abnimmt.

Jede*r ist ihres/ seines Glückes Schmied*in ?

In einer ungerechten, individualisierten und auf Konkurrenz beruhenden Gesellschaft gibt es keine wirklich freien Entscheidungen. Was als persönliche Freiheit, Flexibilität und Individualität versprochen wird, ist in Wirklichkeit Vereinzelung, Entfremdung und Entsolidarisierung und dient der optimalen Einsetzbarkeit in der kapitalistischen Verwertung und dem Ziel den*die Einzelne*n bestmöglich in die Gesellschaft zu „integrieren“ und damit kontrollierbar zu machen. Wer in einer so normierten Gesellschaft scheitert, scheiter individuell, ist dann auch „selbst schuld“ und „hat alleine damit klarzukommen“. Unter dem Label der freien Entscheidung und der persönlichen Autonomie werden Menschen gezwungen in und mit den vorgefertigten Normen und Werten zu leben. Die Möglichkeit das eigene Leben jenseits dieser Normen zu führen, z.B. homosexuelle Beziehungen oder Beziehungen mit mehreren Menschen zu haben, bewusst keine Beziehung zu haben oder ohne Kinder zu leben, scheint den meisten immer noch undenkbar. Mit Menschen zu leben, die sich weder als Mann noch als Frau definieren, scheint gar ein Tabu und unvorstellbar zu sein.

Für uns ist es wichtig diese gesellschaftlichen Werte und Normen zu hinterfragen und anzugehen und auch die eigenen Diskriminierungsstrukturen, Zwänge und Normierungen zu kritisieren. Zweigeschlechtlichkeit, Geschlechterrollen, männliche Dominanz, Heterosexualität und die romantische Zweierbeziehung als Normalität müssen gerade auch in einer Linken, die eine Utopie von einer herrschaftsfreien, kollektiven Gesellschaft hat, kritisch hinterfragt werden. Umso wichtiger ist die Erhaltung emanzipatorischer, autonomer Projekte um Alternativen weiterentwickeln und aufzeigen zu können, um gemeinsam handeln und solidarisch für unsere Rechte streiten zu können. Und dabei geht es nicht darum Rechte nur für einzelne „Gruppen“ zu erkämpfen – denn es gilt immer noch, dass kein Mensch frei sein kann, solange es nicht alle sind!

Lasst uns immer wieder einschreiten, wenn rechtskonservative Fundamentalist*innen die Straße erobern wollen und ihnen unsere Kritik und unsere Utopien entgegensetzen!
Nicht wir schränken diese Leute ein, sondern diese Leute sprechen uns ab, selbst über unser Leben, unser Lieben und unsere Körper entscheiden zu dürfen! Aber wir entscheiden selbst – kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat!

Für Selbstbestimmung in einer herrschaftsfreien und solidarischen Gesellschaft!

Das Absprechen der reproduktiven Selbstbestimmung durch die Kreuzzügler*innen richtet sich vor allem gegen Frauen, da meist sie diejenigen sind über deren Körper entschieden werden soll, wenn es um Schwangerschaftsabbrüche geht. Wir möchten keine Demonstration in der Männer für Frauen sprechen und demonstrieren, sondern eine, in der Männer solidarisch mit Frauen auf die Straße gehen. Deswegen haben wir uns entschlossen die ersten Reihen/den vorderen Teil der Demonstration als reinen FrauenLesbenInterTrans*-Block zu gestalten. Warum kein reiner Frauenblock, sondern auch Inter- und Trans*-Leute? Weil diese sowohl im Weltbild christlicher Fundamentalist*innen als auch in der Wahrnehmung von der Mehrheit der Gesellschaft nicht mal existieren, sie werden marginalisiert, zwangstherapiert und teilweise sogar zwangsoperiert um das „harmonische“ der Zweigeschlechtlichkeit nicht zu gefährden. Auch dagegen möchten wir mit dieser Demonstration vorgehen und halten es für sinnvoll diese Thematik auch durch einen entschlossenen vorderen FLIT*-Block sichtbar zu machen.

Fußnote 1: Wir benutzen das „*“ um deutlich zu machen, dass es Menschen gibt, die nicht in die engen Kategorien Mann und Frau passen (wollen). Wir schreiben später trotzdem von Männern und Frauen um deutlich zu machen, dass die soziale, geschlechtliche Positionierung in unserer Gesellschaft immernoch unterschiedliche Privilegien hervorbringt. Das zweigeschlechtliche System lehnen wir ab, eben weil es nur zwei Geschlechter kennt und akzeptiert und zudem in eine Hierarchie bringt.

Fußnote 2: Der § 218 verbietet Schwangerschaftsabbrüche. Der § 175 stellte männliche Homosexualität zum Teil bis in die 1990er Jahre unter Strafe.

 

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