Unser Redebeitrag zum 8. Mai 2012 über sekundären Antisemitismus

Nationalkonservative, neofaschistische und so genannte „rechtspopulistische“ Parteien boomen quer durch den Kontinent. Beflügelt durch die systemimmanenten aktuellen und aktuellsten Krisen des Kapitals – Dotcom-Blase, Immobilienkrise, Bankenkrise, Schuldenkrise – eilen sie von Wahlerfolg zu Wahlerfolg. In ihrem Windschatten gedeiht die aggressive Suche nach Schuldigen und Sündenböcken. In Westeuropa werden derzeit vor allem Muslime sowie Zuwandernde aus Ost- und Südosteuropa zu den Hauptverdächtigen erklärt. In Osteuropa sollen vor allem Roma die vermeintliche Wurzel allen Übels sein. An der gemeinsamen EU-Außengrenze bekämpfen Ost wie West Flüchtlinge und Menschen, die eine bessere Zukunft suchen, bis in den Tod.

Deutschland ist im Hinblick auf den europaweiten Boom der Rechtsaußen-Parteien unübersehbar eins der Nachzügler: Gemessen an Wahlprozenten sind entsprechende Formationen hier bislang weitgehend bedeutungslos oder können nur sporadisch punkten. Doch allein der Sarrazin-Hype zeigt eindrücklich, was auch in Deutschland wieder möglich ist. Die Frage ist auch, ob die etablierten Parteien durch ihre Politik nicht bereits das meiste von dem vertreten, was in anderen Staaten rechtsaußen Parteien fordern.

Einen ganz bemerkenswerten Seismographen für die autoritär-reaktionäre Entwicklung, die Europa seit einiger Zeit nimmt – für das, was in Europa wieder möglich ist – haben wir noch nicht genannt: Das Gerücht über die Jüdinnen und Juden.
Denn sicherlich ist es ein besonderes Alarmsignal, wenn rund 70 Jahre nach der versuchten, systematisch und industriell organisierten Totalvernichtung des Judentums in Europa immer noch antisemitische Einstellungen in z. T. ganz erheblichem Umfang existieren – und sich sogar weiter ausbreiten.

Laut einer aktuellen Studie, die menschenfeindliche Einstellungen in acht europäischen Ländern vergleichend untersucht, glauben beispielsweise ungefähr 5% der niederländischen Bevölkerung und knapp 70% der ungarischen Bevölkerung, „die Juden“ hätten in dem jeweiligen Land zu viel Einfluss. Die anderen 6 Umfragewerte liegen irgendwo dazwischen – in Deutschland tendieren aktuell fast 20% zum traditionellen, antisemitischen Klischee vom mauschelnden, manipulierenden, strippenziehenden Juden.

Antisemitismus an sich ist also kein deutsches Phänomen und auch nicht erst durch die Nazis erfunden worden. Vor allem christlich motivierte antijüdische Einstellungen und damit verbundene Verfolgung reicht weit in die Geschichte zurück und auch die moderne Form des rassistischen Antisemitismus entstand bereits im 19. Jahrhundert.

Sekundärer Antisemitismus ist hingegen ein Phänomen, das erst seit 1945 existiert, da es untrennbar mit der Shoa verbunden ist – der versuchten, systematisch und industriell organisierten Totalvernichtung des europäischen Judentums. Sekundärer Antisemitismus ist im Grunde vor allem eine Folge davon, dass unverhohlener Hass auf Jüdinnen und Juden nach Auschwitz und Co. öffentlich diskreditiert ist. Das Ressentiment gegen und das Gerücht über Jüdinnen und Juden hörte allerdings nach 1945 nicht einfach auf, sondern musste Mittel und Wege finden, das Vorurteil und den Hass zu verschleiern, um sie nicht aufgeben zu müssen.

Das besondere an dieser Art des Antisemitismus ist, dass die Shoa meist nicht geleugnet wird – im Gegenteil, der nationalsozialistische Vernichtungsfeldzug gegen das europäische Judentum wird als inakzeptables Verbrechen moralisch gebrandmarkt. Doch trotz Auschwitz und Co. – oder ganz perfide auch schon mal WEGEN Auschwitz und Co. ! – werden gleichzeitig verschiedene Vorwürfe an „die Juden“ oder wahlweise auch gegen Israel als dem vermeintlichen Stellvertreter für „die Juden“ laut, die letztlich alle darauf abzielen, die Verbrechen gleichzeitig zu relativieren und zu verharmlosen. Ganz nach dem Motto: „Natürlich hat es die Shoa gegeben, aber…“.

Dieses verhaltene, versteckte Gerücht ist wesentlich weiter verbreitet als der platte, offensichtliche Verfolgungswahn des antisemitischen Weltverschwörungsgeraunes. Sekundärer Antisemitismus findet sich überall in der Gesellschaft – auch in der politischen Linken.

Ein häufig vorkommendes Gerücht über Jüdinnen und Juden ist der Vorwurf, dass sie aus der Shoa Kapital schlagen wollen, z.B. mit übertriebenen Entschädigungsforderungen. Im Rahmen der bereits genannten Studie meinten dies beispielsweise ca. 72% der befragten Menschen aus Polen oder knapp 32% der Befragten in Frankreich. In Deutschland, dem Land der Nachkommen der Täter*innengeneration, bedient fast jede/jeder zweite Befragte das antisemitische Klischee des „geldscheffelnden Juden“ – anscheinend bedenkenlos.

Wir halten dagegen, das kein Geld der Welt die Verbrechen und das Leid, das Jüdinnen und Juden während des NS angetan wurde, „entschädigen“ oder „wiedergutmachen“ kann – und dementsprechend auch keine Entschädigungsforderung zu hoch sein kann. Nicht die Entschädigungsforderungen, sondern die Tatsache, dass nach dem NS überhaupt noch ein deutscher Nationalstaat existiert – als juristischer und moralischer Nachfolger des Dritten Reiches – ist die eigentliche Unverschämtheit!

Wie bereits kurz erwähnt dient Kritik am Staat Israel so manchem versteckten Antisemitismus als Pappkamerad für den Hass auf alles Jüdische. Schon die dabei in der Regel vorgenommene Gleichsetzung von Jüdinnen und Juden mit dem Staat Israel ist so offensichtlich falsch wie verräterisch:
Israel ist ein Staat, der Jüdinnen und Juden Schutz vor jahrhundertelanger Verfolgung bieten soll und der aus einer jüdischen Mehrheitsgesellschaft besteht. Dennoch gehören weder alle Israelis einer jüdischen Religion an, noch sind alle Jüdinnen und Juden der Welt Israelis.

Soviel Differenzierung passt allerdings nicht ins Klischee – und findet deshalb erschreckend häufig auch nicht statt. In der erwähnten Studie beispielsweise stimmen in den verschiedenen Ländern mindestens 25 und bis zu 55% der Befragten der Aussage zu: “Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man Juden nicht mag.”.

Jüdinnen und Juden = Israel – Israel = Jüdinnen und Juden. Und darüber hinaus schwingt hier wie so häufig mit: Die sind doch selbst Schuld am Antisemitismus …

Der geistige Kurzschluss einer Gleichsetzung von Jüdinnen und Juden mit dem Staat Israel ist allerdings nur oberflächlich dumm. Tatsächlich dient er gar nicht selten dazu, antisemitische Vorurteile und Wahnvorstellungen vor der Vernunft und dem Entsetzen über Auschwitz & Co. zu bewahren. Ist es schwierig, öffentlich zu poltern, die Jüdinnen und Juden seien ein Fremdkörper in dem Land, in dem sie leben? Erklären wir doch einfach Israel zum Fremdkörper unter den Staaten im Nahen Osten!! Das man Juden und Jüdinnen prinzipiell für Kindermörder hält, stößt zu häufig auf Ablehnung? Für den Demospruch „Kindermörder – Israel!“ kann man immer noch mit Applaus rechnen! Hier zeigt sich, dass auch der moderne Antisemitismus uralte antijudaistische Bilder aufgreift und nicht losgelöst von diesem ist.

Der Staat Israel wird zum Juden unter den Staaten: Ihm wird unterstellt, aus niederträchtigen Motiven friedliebende Staaten der Welt in Kriege zu stürzen – bis zu deren Untergang. Nicht wenige Nazis und Reichsspinner glauben auch heute noch, der 2. Weltkrieg sei in Wirklichkeit die Folge einer jüdischen Weltverschwörung gegen ein eigentlich harmloses und friedliebendes Deutschland gewesen, das gegen seinen Willen in einen Krieg genötigt wurde, um so seine Vernichtung zu erreichen.

Klingt absurd? Nach verquerer Täter*innen-Opfer-Umkehr? Doch in eine ähnliche Kerbe schlagen auch vermeintlich Linke und Pseudo-Moralhüter*innen wie vor einem Monat noch Günther Grass. „Maulheldentum“ soll es sein, wenn der Ministerpräsident Irans beispielsweise seinen Zuhörerinnen und Zuhörern bei einer anti-israelischen Konferenz sagt: Wenn sie die Parole „Tod Israel“ auszurufen hätten, sollten sie diese Parole richtig und von Herzen ausrufen. Muss man es also nicht ernst nehmen, wenn Ahmadinedschad meint, Zitat „das zionistische Regime“ sei Zitat „ein Schandfleck, der aus der Mitte der islamischen Welt beseitigt werden muss“? Kein israelischer Ministerpräsident oder anderes Regierungsmitglied oder hohes Militär hat je vergleichbare Vernichtungsphantasien gegen den Iran geäußert. Wieso kommt man dann auf den Gedanken, öffentliche Überlegungen in Israel, militärisch gegen das iranische Atomprogramm vorzugehen, seien der Versuch einer „Auslöschung“ der iranischen Bevölkerung? Wir fragen, warum wird in dieser Diskussion nicht über die existentielle Bedrohung des Landes, das eine unmittelbare Konsequenz der Shoa ist, geredet?

Mit solchen kruden „Jüdinnen und Juden sind die neuen Nazis“-Behauptungen ist Grass nicht allein. „Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“ meinen zwischen 38% und 63% der Befragten aus den verschiedenen Landesbevölkerungen der europäischen Antisemitismus-Studie. In Deutschland sind es wiederum fast 50%. Schon Ex-Bundesarbeitsminister Norbert Blüm behauptete vor 10 Jahren öffentlich, Israel würde einen „hemmungslosen Vernichtungskrieg“ gegen die Palästinenserinnen und Palästinenser führen. Andere schwafelten dazu im Chor vom angeblichen „Tabu“ einer Kritik an Israel. Der Nobelpreisträger ist mit seinem mühsam als Gedicht verpackten Aufruf also keineswegs ein „Tabubrecher“, sondern nur ein billiger, geschichtsvergessener Nachahmer.

Der Gesandte der israelischen Botschaft in Berlin Emmanuel Nahshon äußerte zu Grass’ Gedicht: „Wir sind nicht bereit, die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist“ – und traf damit den Kern der Funktion solcher Äußerungen: Israel als Konsequenz aus weltweitem Antisemitismus und der Shoa ist staatgewordene, unübersehbare und permanente Mahnung an die deutsche Schuld und an weltweit verbreiteten Jüd*innenhass. Diese Mahnung führte allerdings nicht selten zu Abwehrreflexen: Glaubt man, Israel ähnliche Verbrechen wie dem NS oder Rassismus nachgewiesen zu haben, so werden aus den Opfern selbst Täter*innen gemacht und das eigene Gewissen beruhigt. Statt eine Auseinandersetzung über die Kontinuitäten von Naziideologien und antisemitische Stereotypen zu führen, kann man sich nun als wahre Hüter*in der Moral präsentieren.

Um zum Ende zu kommen: Wenn es zutrifft, dass eine neue autoritäre und reaktionäre Epoche in Europa heraufzieht, dann werden wir uns in Zukunft über vieles Gedanken machen, über vieles reden müssen. Antisemitismus in all seinen Formen und Facetten ist eines der altbekannten Phänomene, die uns dabei immer wieder und zunehmend begegnen werden – denn die Krisen des Kapitals produzieren neue alte Sündenböcke. Der heutige Tag der Befreiung mahnt uns wachsam zu sein, aktiv zu werden und zu bleiben – denn wir wollen nicht, dass die Geschichte sich wiederholt. Auch dafür wird eine ebenso starke wie selbstkritische Linke überall dringend gebraucht.

 

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