Gegen den Volkstrauertag!

Am Sonntag, den 13. November 2011, dem so genannten „Volkstrauertag“, wird bundesweit und auch in Münster „der Kriegstoten und der Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen“ gedacht. Der jährlich stattfindende, staatliche Gedenktag hat eine lange Tradition seit der Weimarer Republik. Damals zunächst als Tag der Trauer für die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs eingeführt, wurde er im Nationalsozialismus als „Heldengedenktag“ zum staatlichen Feiertag erkoren. So wurde aus einer nationalistisch-militaristischen Tauerfeierlichkeit die „Heldenverehrung“ von Wehrmacht und NSDAP. Sie beinhaltete den eindringlichen Appell, „Helden“ hätten sich bedingungslos „für Führer, Volk und Vaterland“ zu opfern.

Nach der Befreiung Nazideutschlands durch die alliierten Armeen standen in der Bundesrepublik bis Mitte der 90er Jahre die getöteten deutschen Soldaten zweier Weltkriege und die Toten der alliierten Bombenangriffe im Fokus des Gedenkens. Doch dass gerade auch die Wehrmacht – als aktive Stütze der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und als williges Instrument zur Verwirklichung der NS-Vernichtungspolitik im Osten Europas – im Zentrum staatlich geförderter Trauerarbeit stand, war schwer zu erklären. Darüber hinaus waren und sind zu offensichtlich nationalistisch-militaristisch geprägte Trauerfeierlichkeiten nicht mehr gefragt.

Wenn also heute der deutschtümelnde Nationalismus offiziell zugunsten „der Kriegstoten und der Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen“ aufgegeben wurde, ist dies ein kleiner Fortschritt.
Das dennoch auch heutzutage das offizielle Gedenken zum „Volkstrauertag“ vielerorts stark nationalistisch-militaristisch geprägt ist, kann man auch in Münster Jahr für Jahr beobachten: Vertreterinnen und Vertreter von Soldatenverbänden, Vertriebenenverbänden, der Stadt Münster, Verbindungen und Burschenschaften, Bundeswehr u.a.m. geben sich ein harmonisches Stelldichein. Hin und wieder auch mal ein paar bekennende Nazis. Alle in Trauer vereint – in den Köpfen ein wahrer Querschnitt durch die Motivgeschichte des „Volkstrauertages“. Eigentlich ein Trauerspiel …

Und wenn man den Gedanken einer quasi universellen Trauer um sämtliche Opfer von Krieg und Gewalt genauer betrachtet, zeigt sich ein Problem: Denn es verschwimmen nun – zumindest auf den zweiten Weltkrieg bezogen – die Grenzen zwischen TäterInnen und Opfern, MörderInnen und Ermordeten.

Ein Beispiel – die Dresdner Bank. Als „Hausbank der SS“ machte sie – in vollem Bewußtsein ihres Handelns – die geplante und industriell organisierte Ausbeutung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, von behinderten Menschen, von Homosexuellen und vielen anderen Opfergruppen des NS zu Geld und Gold.

Wenn nun die beteiligten Angestellten der Dresdner Bank im Bombenhagel von Dresden ums Leben kamen: Sie sind wirklich als Opfer zu betrachten? Oder die über dieses offene Geheimnis informierten AktienbesitzerInnen der Bank, die durch ihre Aktien reich wurden? Oder die hunderttausenden von Wehrmachtssoldaten, die den Versuch der vollkommenen Vernichtung, die Massenmorde an ZivilistInnen und andere Kriegsverbrechen z. T. mit Begeisterung und akribischem Pflichtbewußtsein in die Tat umsetzten?

Kann es wirklich sein, dass in Deutschland auf offiziellen Gedenkveranstaltungen um Mörderinnen und Mörder in gleicher Weise getrauert wird wie um die, die von ihnen ermordet wurden? Sind nun alle „irgendwie Opfer“, weil alle während des zweiten Weltkrieges ums Leben kamen? Wird dabei nicht wesentliches unterschlagen: Nämlich wer den Krieg begonnen hat mit dem Ziel, die ganze Welt zu unterwerfen? Und wer dabei in einem nie gekannten „Rassen“wahn und mit penibler Gründlichkeit die weltweite, gezielte, industriell organisierte und vollkommene Vernichtung von Millionen von Menschen ins Auge gefasst hatte? Aus dem einen Grund – weil man als „nicht deutsch genug“ angesehen wurde …

Deshalb:

Wir gedenken den Juden und Jüdinnen, den Sinti und Roma, den Kommunist_innen und anderen politisch Verfolgten, den behinderten Menschen, den Homosexuellen, den Wehrmachtsdeserteuren, den Opfern des Vernichtungskrieges der Wehrmacht im Osten Europas und allen anderen, die vom Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden.

Wir werden sie nicht mit ihren Mörderinnen und Mördern auf die gleiche Stufe stellen.

Nie wieder Faschismus – für eine Welt ohne Kriege, Gewaltherrschaft und Waffen!

 

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